Francesca Caccini

oder die Befreiung des Mannes von der Insel der Angst

Der Hof der Medici um das Jahr 1625: Maria Magdalena von Österreich schwingt das Zepter über die
Toskana. Sie setzt Frauenrechte durch, sorgt für die sexuelle Aufklärung der Donne und Dame, beteiligt sich an den Querelles de femmes, fördert Künstlerinnen und krempelt den Hof zu Gunsten des weiblichen Geschlechts um. Ein monarchisches Matriarchat auf Zeit. Marias Liebling: Francesca Caccini.
Francesca, Pop-Star des Frühbarocks, erste Komponistin der italienischen Oper, Singvogel, Wunderkind, Mutter und Angestellte. Unter den Toskanern regt sich eine misogyne Opposition gegen Maria Magdalena und ihre frauenfreundliche Politik. Um den Ängsten und Ressentiments zu begegnen und Frieden zu stiften, wird Francesca von Maria Magdalena mit einer Oper beauftragt. In einem skandalträchtigen Proben- und Kompositionsprozess entsteht ein Werk, das bis heute seines gleichen sucht: La liberazione de Ruggiero de Isola d’Alcina. Das ist die Historie – das ist das was von ihr übrig ist, der Ungehörten, der Unerinnerten Francesca Caccini. Die patriarchale Musikgeschichtsschreibung des 18. bis 20. Jahrhunderts tilgte die damals ruhmreiche Komponistin aus den Büchern und Archiven – vor allem den Musikwissenschaftlerinnen Suzanne Cusick und Eva Weißweiler ist es zu verdanken, dass wir Caccini und ihre Musik heute wieder (er-)finden können.
Wir, Künstlerinnen aus Musik und Spiel, haben uns der Frage gestellt wie wir Francesca – ihrem Geist, ihrer Musik und ihrem Körper Leben einhauchen können, wie wir eine Zeit spielend erfinden können auf die sich während unserer Suche unsere Sehnsüchte und Projektionen geheftet haben: 1625 – Herrschaftsform: GYNOKRATIE. In einer Stückentwicklung erforschten wir Dokumente studierend musikalisch und performativ die barocke Lebenslandschaft der Francesca Caccini, probten ein Pferdebalett, setzten uns mit dem frühbarocken Frauenbild und seinen Parallelen zu heutigen Geschlechterkonstruktionen auseinander und suchten nach einer zeitgenössischen Wiederaufführung und Weiterführung von Caccinis Musik. Dabei entschieden wir uns gegen eine klassische Inszenierung ihrer Oper La Liberazione, und für die Probe, das Experiment mit Damals & Heute, Projektionen & Fakten, Geschichtsschreibung & Utopie, Selbstermächtigung & Zweifel. Das Publikum schaut hinter die Kulissen, auf die Produktion und verfolgt den skandalösen Probenprozess 1625 von La Liberazione: Den Neid des Hofdichters Andrea Salvadori, den Ruhm und das langsame Ausbrennen der Caccini, endlos repetierenden Hofmusikerinnen, einen Schauspieler der keinen Krieg mehr spielen will, und eine um ihre Macht und Würde besorgte Herrscherin, deren letztes politisches Mittel die Oper zu sein scheint, an die sich ihre Hoffnung und ihr Starrsinn klammert. Üben, wiederholen, interpretieren, neu beginnen, anders ansetzen, probieren, scheitern. Die Inszenierung endet mit dem Beginn der Uraufführung. Durch die Wiederholungen schält sich Caccinis Musik aus dem Ballast der Zeit. Durch die Brille der Vergangenheit die Gegenwart betrachten. Diese alte Welt ist der unseren nicht unähnlich. Dienerinnen und Herrscherinnen. Macht und ihr Mißbrauch. Misogynie und Emanzipation, Zwang und Ausbruch. Das System der Herrschaft funktioniert, und es funktioniert doch nicht. Unfälle, und Missgeschicke ziehen Risse in das Gefüge. Das ist dort, wo Musik und Wünsche eindringen, von einem herrschaftsfreien Leben, von einem Füreinander-Sein, einem In-der-Musik-Sein. Im Stück verbinden sich textuell, performativ, visuell und musikalisch zwei Epochen und Klangwelten, das 17. Jahrhundert und das Heute. Die Medienkünstlerin Leila Brinkmann entwickelte einen optischen Glitch aus Neon-Pop und barocker Opulenz in Kostüm, Bühne und verwendeten Medien. Die beiden Schauspielerinnen Bri Anne Schröder und Soheil Boroumand wechseln zwischen verschiedene Rollen und fächern ein komplexes Spiel-im Spiel auf, das Geschlechter-Rollen und ihre Zuschreibungen hinterfragt. Als Francesca Caccini brilliert Anne Schneider in Gesang und Spiel. Musikalisch wagen wir ein popkulturelles Soundexperiment: Anne Schneider, Sängerin und Expertin für barocke Musik und die Cembalistin Julia Chmielewska-Ulbrich verleihen der Musik ihre barocke Originalität und zeitliche Tiefe. Die Violonistin Izabella Kaldunska, der Rapper Mustafa Tanbari und der Komponist Philipp Rücker führen mit Loops, Effekten, Beats & Bässen in die räumliche Weite und Gegenwart. Caccinis Musik wurde eine „transformierende politische Kraft“ zugeschrieben, die Missgunst in Güte und Gram in Fröhlichkeit verwandelte. Dieser Behauptung geht die Inszenierung in Spiel und Ton nach und setzt einen Schwerpunkt auf die Auslotung musikalischtransformatorischer Momente.
Komponistinnen sind im musikhistorischen Kanon massiv unterrepräsentiert, obwohl es sie gegeben hat– mit Auswirkungen auf die Musikkultur bis heute. Besonders drastisch zeigen sich die Unterschiede in der Oper: Nur 1 % aller Inszenierungen in Deutschland sind Werke von Komponistinnen. Das soll sich ändern. Mit der Wiederbelebung des Kosmos der Francesca Caccini, wird nicht nur ihre Musik wieder hörbar, sondern auch die Oper als Heil- und Diskursmittel sichtbar. Durch performative Fiktionen, Studien, Sehnsüchte und Projektionen des Ensembles auf das ferne Medici-Matriarchat, entsteht ein gynokratischer Imaginations-Raum: fremd, utopisch, heiter und randgefüllt mit Musik die aus der Vergangenheit in eine Zukunft weist, in der Gesellschaft, Oper und Musik gleichberechtigt gedacht und gestaltet werden können. Das von Schatz & Schande produzierte Musiktheater FRANCESCA CACCINI ist in Kooperation mit dem Ost-Passage Theater Leipzig entstanden.

Förderer:

Marian Steegmann Stiftung